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24.03.2019, 16:03 Uhr

Studie der Otto Brenner Stiftung

Einstellungen, Demokratieverständnis, Identität: Wie tickt die Nachwendegeneration?

  • 07.03.2019
  • Aktuelles

Intershops und Transitstrecken haben sie nie kennengelernt. Auch Erfahrungen mit der Staatssicherheit und die Beschränkung der Reisefreiheit kennen sie nur aus Erzählungen. Die Generation der nach 1989 Geborenen ist im vereinten Deutschland aufgewachsen. Wie tickt die Nachwendegeneration? Wie ist es um die viel zitierte „Mauer in den Köpfen“ bei denen bestellt, die die deutsche Teilung nie selbst erlebt haben? Die Otto Brenner Stiftung hat nachgefragt und eine Studie dazu in Auftrag gegeben.

Der Fall der Berliner Mauer jährt sich am 9. November 2019 zum 30. Mal. Vor diesem Hintergrund ging ein Forscherteam um den Sozialwissenschaftler Rainer Faus von der Beratungsagentur Pollytix der Frage nach, ob die Nachwendegeneration in ihrer Haltung zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft vereint oder immer noch gespalten ist.

Ergebnisse der Studie
Ein Ergebnis der viel beachteten Studie mit dem Titel „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ lautet: Die „Mauer in den Köpfen“ existiert auch in der Nachwendegeneration noch, aber sie bröckelt.

Die Auswertung von 30 Tiefeninterviews sowie eine Online-Befragung mit 2183 jungen Frauen und Männern zeigt: Es gibt auch bei denen, die nie in einem geteilten Deutschland gelebt haben, noch Unterschiede in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation, in der Demokratiezufriedenheit und im Gerechtigkeitsempfinden. So sind zum Beispiel nur 59 Prozent der jungen Menschen in Ostdeutschland der Meinung, die wirtschaftliche Situation ihrer Region sei gut, während dies bei 74 Prozent der Westdeutschen der Fall ist. Auch in punkto Arbeitsmarktperspektive schätzen die jungen Frauen und Männer im Westen ihre Chancen in ihrer Region besser ein als Gleichaltrige im Osten Deutschlands.

Unterschiede fanden die Forscher auch in den Einstellungen zu Politik und Gesellschaft. Der Studie zufolge sind junge Ostdeutsche (51 Prozent) seltener mit den Leistungen der Demokratie zufrieden als Westdeutsche (58 Prozent) und sie haben auch seltener das Gefühl, dass es in der Gesellschaft gerecht zugeht (Ost: 41 Prozent/West: 53 Prozent).

Konkrete Lebenssituation ist entscheidender als "kulturelle" Unterschiede

Die Ursachen für diese Unterschiede sind, so die Forscher, auf die konkrete jeweilige Situation zurückzuführen und sind weniger das Ergebnis „kultureller“ Differenzen und Unterschiede in der eigenen Sozialisation. Demokratiezufriedenheit und Gerechtigkeitsempfinden hängen – unabhängig von West und Ost – vielmehr damit zusammen, wie gut die jungen Frauen und Männer die wirtschaftliche Lage ihrer Region und die Perspektive in ihrer Heimatregion beurteilen.

Welche Rolle spielt die Ost-West-Herkunft?
Noch deutlich größer sind die Differenzen bei der Einschätzung und Bewertung der Wiedervereinigung. Zwar sagen zwei Drittel aller Befragten in West und Ost, dass die Wiedervereinigung insgesamt gelungen und so lange her sei, dass sie für das eigene Leben keine Rolle mehr spiele. Aber gleichzeitig sagen nur 33 Prozent der jungen Ostdeutschen, dass „es heutzutage keinen Unterschied mehr macht, ob man aus West- oder Ostdeutschland kommt“. Die Westdeutschen sehen das anders: Sie stimmen dieser Aussage zu 57 Prozent zu.

"Ostdeutsche" Identität

Für sie sind die Wiedervereinigung und die Folgen auch weniger bedeutsam als für die Nachwendegeneration im Osten. „Ostdeutsch“, so ein Ergebnis der Studie, ist für junge Frauen und Männer „im Osten auch eher Teil ihrer Identität“: Sie fühlen sich eher als „Ostdeutsche denn als Deutsche“, so die Untersuchung. Im Westen unterscheiden die jungen Leute „westdeutsch“ eher nicht von „deutsch“. Daraus schlussfolgert Soziologe und Mitautor der Studie Simon Stork, dass es wichtig sei, auch in dieser jungen Generation noch „Transformationserfahrungen zu erzählen, Transformationsleistungen anzuerkennen, gegenseitiges Verständnis zu stärken und Berührungspunkte zu schaffen.“

Sozialwissenschaftler Faus führt diese unterschiedlichen Einstellungen und Mentalitäten neben der Vermittlung durch die Elterngeneration auch auf die teilweise „unterschiedlichen Chancen in den Landesteilen“ zurück. Er appelliert deshalb an die Politiker, die „Ergebnisse ernst zu nehmen“.

Rainer Faus; Simon Storks: Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?; OBS-Arbeitsheft 96, Frankfurt am Main, Februar 2019.

Weitere Informationen, die Möglichkeit, die Studie zu bestellen oder als PDF-Download zu erhalten, gibt es bei der Otto Brenner Stiftung.


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