04.12.2025 | Bei der zweiten gemeinsamen Delegiertenkonferenz der IG Metall-Kooperationsgeschäftsstellen Potsdam und Oranienburg am 3. Dezember standen neben Zahlen und Fakten zur Mitgliederentwicklung vor allem die herausfordernde Situation in zahlreichen Betrieben in der Region im Mittelpunkt der Veranstaltung. Außerdem diskutierten die Delegierten in einer aktiven Workshopphase in vier Gruppen über die Themen Rückholmanagement, Bildung, Betriebsratswahlen und Senioren. Zum Abschluss der Veranstaltung stellte sich Jan Otto, der neue Leiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, den Delegierten vor und präsentierte ihnen in einem Kurzreferat seine politische Agenda.
Zu Beginn der Veranstaltung erläuterte Stefanie Jahn, Geschäftsführerin der IG Metall Oranienburg-Potsdam, den Flächentarifabschluss in der Stahlindustrie – und kam damit gleich auf eine anstehende Herausforderung für die IG Metall zu sprechen: Denn die Riva-Elektrostahlwerke in Brandenburg und Hennigsdorf sind bisher nicht bereit, diesen Abschluss zu übernehmen.
Berichte aus den Betrieben
Auch in vielen weiteren Betrieben in der Region ist die Lage angespannt. Einige Beispiele: Am 10. Oktober 2025 gab der BSH-Konzern vollkommen überraschend bekannt, das BSH-Hausgerätewerk am Standort Nauen bis Mitte 2027 schließen zu wollen. Die IG Metall und die Beschäftigten werden gegen diese Pläne entschlossen vorgehen und fordern den Erhalt des Standorts und der Arbeitsplätze, bekräftigte Anne Borchelt, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Oranienburg-Potsdam.
Auch beim Kontraktlogistiker Rhenus Brandenburg ist die Lage besorgniserregend. Seitdem die Beschäftigten einen Tarifvertrag fordern, macht der Arbeitgeber auf Betriebsräte und Einzelpersonen massiv Druck. Gespräche mit der IG Metall verweigert er.
Noch deutlich schlechter sieht es für die Kolleginnen und Kollegen bei der BBV Feuerverzinkung in Kirchmöser aus: Ihr Werk wurde kurzfristig geschlossen.
Auch bei Diehl in Zehdenick wird die Lage immer düsterer. Dort baut der Arbeitgeber weitere 100 Stellen ab, inzwischen arbeiten nur noch etwa 200 Beschäftigte an diesem Standort. Noch vor wenige Jahren fanden bei Diehl in Zehdenick bis zu 800 Menschen Arbeit.
Bei Alstom hat die Arbeitgeberseite ein Angebot zur Ablösung des Zukunftstarifvertrages gemacht. Die IG Metall-Mitglieder im Konzern werden zeitnah darüber abstimmen, ob sie es annehmen werden.
Aus einigen Betrieben wusste Anne Borchelt jedoch auch gute Nachrichten zu vermelden, beispielsweise von ZF in Brandenburg: Dort ist es den Beschäftigten gemeinsam mit der IG Metall Oranienburg-Potsdam gelungen, einen Zukunftstarifvertrag zu erkämpfen, der bis 2028 Beschäftigungssicherung garantiert. Außerdem wird die Einführung der 35-Stunden-Woche um 15 Monate vorgezogen. Sämtliche Angriffe des Arbeitgebers – Verkauf, betriebsbedingte Kündigung, massive Reduzierung von Stunden und Hergabe von tariflichen Zusatzleistungen – konnte die IG Metall abwehren.
Beim Beleuchtungsanlagenhersteller Selux ist es der IG Metall Oranienburg-Potsdam nach vier Verhandlungsrunden Mitte November gelungen, mit dem Arbeitgeber einen Tarifvertrag abzuschließen. Dieser bringt vor allem den Kolleginnen und Kollegen in den unteren Lohngruppen und den Auszubildenden ein deutliches Lohnplus, außerdem können sie ab dem kommenden Jahr zwischen zusätzlichen freien Tagen oder einer Einmalzahlung wählen. Mit einem Warnstreik hatten die Beschäftigten den Druck auf die Arbeitgeberseite zuvor maßgeblich erhöht.
Workshopphase mit aktiver Beteiligung
Fabian Menner vom IG Metall-Bildungszentrum Berlin-Brandenburg Sachsen führte die Delegierten nach einer kurzen Pause durch eine halbstündige, aktive Workshopphase. Jeweils zehn Minuten hatten die Teilnehmenden Zeit, um sich vor den vier Stelltafeln in jeder Ecke des Raums über folgende Themen auszutauschen: Rückholmanagement, Betriebsratswahlen im Frühjahr 2026, Bildung, Senioren.
Beim Thema Betriebsratswahlen ging es vor allem darum, wie die IG Metallerinnen und Metaller in ihren Betrieben möglichst überzeugend auftreten und möglichst viele Stimmen holen können.
Warum zahlreiche Kolleginnen Weiterbildungsangebote anderer Anbieter wählen und nicht die der IG Metall, diskutierten die Teilnehmenden beim Workshop unter der Überschrift Bildung.
Rückholmanagement ist ein herausforderndes Thema für die IG Metall. Wie das möglicherweise erfolgreicher und besser gestaltet werden kann, diskutierten die Teilnehmenden beim gleichnamigen Workshop.
Die älteren Metallerinnen und Metaller beider Geschäftsstellen besprachen, wie sie bei ihren AGA-Aktivitäten in Zukunft möglicherweise enger zusammenarbeiten könnten.
Anschließend wurden die Ergebnisse dem Plenum vorgestellt.
Bezirksleiter Jan Otto stellt sich vor
Zum Abschluss der Veranstaltung stellte sich Jan Otto den Delegierten vor. Otto ist seit dem 8. September 2025 der neue Leiter des IG Metall-Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen. Zuvor hatte der gelernte Lokführer mehrere Jahre die IG Metall-Geschäftsstellen Ostsachsen und Berlin geführt. Jan Otto ist 44 Jahre alt und hat zwei Kinder.
In seinem Kurzreferat forderte er, dass öffentliche Mittel und industriepolitische Förderung an Local-Content-Regelungen geknüpft sein müssen. Nur so könnten die Sicherung von Wertschöpfung in Europa, der Schutz tarifgebundener Arbeit und die Förderung von Innovationen erreicht werden, so Otto. Von der Arbeitgeberseite forderte er, sich zum Standort Deutschland zu bekennen, auch wenn es in manchen Phasen nicht so gut laufe.
„Die Industrie befindet sich im Umbruch. Wir müssen diesen Strukturwandel als Chance nutzen“, sagte Otto. Es gehe jetzt um eine Stärkung der Resilienz (Widerstandsfähigkeit), eine Stärkung lokaler Fertigung und die Etablierung neuer Wertschöpfung. Dafür bedarf es einer Steuerung der Industrie, so Otto. „Wir brauchen jetzt eine Industriestrategie auch für Ostdeutschland, die Innovationen fördert, Investitionen anreizt, unseren Standort wettbewerbsfähig hält und Arbeitsplätze sichert und neue ermöglich“, unterstrich Jan Otto. „Der Markt allein kann das nicht. Es braucht Steuerung. Und Steuerung ist eine Frage des politischen Willens.“
Entscheidend sei eine gemeinsame industriepolitische Linie von EU, Bund und Ländern, so Otto. Die IG Metall müsse auf die Entscheidungen in Berlin und Brüssel künftig noch mehr Einfluss nehmen, bekräftigte Otto. Abschließend sagte Jan Otto: „Ostdeutschland besitzt hervorragende Grundlagen für den Aufbau einer modernen, diversifizierten und resilienten Industrielandschaft – insbesondere rund um Halbleiter, Elektromobilität, Bahnindustrie, erneuerbare Energien und neue Werkstoffe, Stahl sowie Kreislaufwirtschaft.“
Das Schlusswort des Abends hatte Stefanie Jahn: Sie wünschte allen Delegierten und ihren Familien eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute im neuen Jahr.
Wichtige Termine 2026 – bitte vormerken!
Delegiertenversammlungen Geschäftsstelle Potsdam 2026: 18. März / 23. September
Delegiertenversammlungen Geschäftsstelle Oranienburg 2026: 25. März / 16. September
Gemeinsame Delegiertenversammlungen beider Geschäftsstellen: 16. Juni 2026 / 8. Dezember 2026