IG Metall Oranienburg und Potsdam
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05.07.2020, 05:07 Uhr

Vertrauensleutewahlen 2020

„Vertrauensleute sind manchmal wie eine Mutter“

  • 25.12.2019
  • Aktuelles

Ungerechtigkeit treibt Chris Brüggemann an. „Die darf nicht hingenommen werden“, sagt der Vertrauensmann von ZF Getriebetechnik in Brandenburg an der Havel. Er arbeitet dort seit 2001 in der Härterei, seit 2003 engagiert sich der 44-Jährige bei ZF gewerkschaftlich als Vertrauensmann. Im Interview berichtet er über dieses wichtige Ehrenamt und warum er auch 2020 bei der Vertrauensleutewahl wieder antritt.

Chris Brüggemann engagiert sich bereits seit 2003 als Vertrauensmann bei Bombardier. Foto: Volker Wartmann

Warum kandidierst Du als Vertrauensmann?

Meine Motivation? Ungerechtigkeit darf nicht hingenommen werden, dagegen muss man etwas tun. Darum will ich mich für die Kolleginnen und Kollegen im Betrieb einsetzen. Ich habe diese Aufgabe als Vertrauensmann quasi von einem älteren Kollegen übernommen, von dem ich damals viel gelernt habe. Wenn es Probleme gibt, bin ich immer für meine Kolleginnen und Kollegen da. Auch dann, wenn einem von den Vorgesetzten Steine in den Weg gelegt werden, weil man schwierige Themen anspricht.

Welche Aufgaben haben Vertrauensleute?

Die Kollegen kommen oft mit betrieblichen Problemen zu mir, gelegentlich auch mit privaten. Manchmal komme ich mir fast vor wie eine Mutter, weil man alles Mögliche zu hören bekommt. Wenn Kolleginnen und Kollegen Probleme haben, sind wir Vertrauensleute oft erste Anlaufstelle und nicht der Betriebsrat. Auch wenn sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, sind wir Vertrauensleute ihre ersten Ansprechpartner. Wir stellen dann, wenn nötig, den Kontakt zum Betriebsrat her, um die Sachen dort zu klären und Lösungen zu finden. Gut ist: Wir haben mittlerweile in jeder Halle einen Vertrauensmann pro Schicht, sodass den Kolleginnen und Kollegen jederzeit ein Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Mit welchen Anliegen kommen Eure Kolleginnen und Kollegen am häufigsten zu Euch Vertrauensleuten?

Das Thema Arbeitszeit ist seit längerer Zeit das dominierende Thema bei den Kolleginnen und Kollegen. Es kann ja eigentlich nicht sein, dass wir jetzt die 29. Generation an Lehrlingen haben, die genau dasselbe wie andere Auszubildende in ihren Metallberufen in ganz Deutschland gelernt haben. Warum sollen die länger arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland? Das ist im Grunde eine versteckte Zwei-Klassen-Gesellschaft. Dieser Zustand ist so viele Jahre nach der Wende untragbar. Die Leute wollen sehen, dass sich da endlich was bewegt, auch wenn es die Älteren vielleicht selbst gar nicht mehr in ihrem persönlichen Arbeitsleben erleben werden.

Wie unterstützt Euch die IG Metall bei Eurer Arbeit?

Ganz wichtig finde ich die mentale Unterstützung: einfach zu wissen, die IG Metall steht hinter uns. Gut ist auch, dass wir immer aktuelles Infomaterial bekommen. Besonders gefallen mir die T-Shirts, mit denen wir unsere Forderung nach der „35“ im Betrieb kenntlich machen und durch die Masse unsere Stärke zeigen können. Es gibt aber auch Kollegen, die sich mit der Gewerkschaft schwertun. Einige ältere Kollegen sind „SED-geschädigt“. Sie haben aufgrund ihrer Erfahrungen große Vorbehalte, in die IG Metall einzutreten. Allerdings sind so trotzdem so fair, dass sie zum Beispiel bei Warnstreiks mit vors Tor gehen und dafür sogar Minusstunden in Kauf nehmen. Wenn wir Vertrauensleute die Kolleginnen und Kollegen regelmäßig informieren und mitnehmen, unterstützen sie uns und unsere Aktionen meist auch.