20.03.2026 | Auch die vierte Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt bei den Brandenburger Elektrostahlwerken (B.E.S.) endete am 20. März ergebnislos. Allerdings nicht geräuschlos. Lautstark haben rund 150 B.E.S.-Beschäftigte ihrem Arbeitgeber während eines dreistündigen Warnstreiks – direkt am Verhandlungsort – deutlich gemacht, was sie von dessen Tarifblockade halten: „Wertschätzung sieht anders aus!“
Zum vierten Mal schon legten die Stahlbeschäftigten bei B.E.S. ihre Arbeit im laufenden Tarifstreit nieder. Die überwältigende Mehrheit der Frühschicht ließ es sich nicht nehmen, zum Warnstreik nicht nur vors Tor, sondern im Demonstrationsmarsch zum zwei Kilometer entfernten Verhandlungsort im Technologie- und Gründerzentrum (TGZ) zu ziehen. Während sie so auf den Straßen für viel Bewegung und Aufmerksamkeit sorgten, ging im Werk nichts mehr. Aus gutem Grund: Die Kolleginnen und Kollegen haben die Nase gehörig voll. Sie fordern die Übernahme des Stahltarifvertrags Ost, auf den sich Arbeitgeber und IG Metall im vergangenen Herbst verständigt hatten – und der ihnen zusteht. Denn sie sind zwar nicht im Flächentarifvertrag, haben aber einen Anerkennungstarifvertrag, mit dem der Arbeitgeber das Ergebnis der Fläche eins zu eins übernimmt. Doch dieses Mal sperrt er sich vehement.
Was die Beschäftigten davon halten, machten sie lautstark klar. „Eine Frechheit!“ riefen sie. „Es geht um 1,75 Prozent mehr Geld, nicht um 10 Prozent.“ Oder: „Wir werden behandelt wie Nummern, das hat mit Wertschätzung gar nichts zu tun.“ Mit Handsirenen und Trillerpfeifen schickten sie laute Botschaften in die erste Etage, wo die Verhandlungskommission der IG Metall mit ihrem Arbeitgeber am Tisch saß.
Erneut kein verhandlungsfähiges Angebot der Arbeitgeberseite
In einer Verhandlungspause berichtete die IG Metall-Delegation den Warnstreikenden vom Auftakt der vierten Verhandlung. Die Arbeitgeberseite war einmal mehr weit entfernt davon, ein verhandlungsfähiges Angebot auf den Tisch zu legen. Stattdessen bot sie an, mögliche Erhöhungen eventuell als Motivation „an Produktionssteigerungen“ zu binden. Letztlich aber, das machte Thomas Albrecht, stellvertretender Vertrauenskörperleiter und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, seinen Kollegen unmissverständlich klar, „geht es hier auch um unsere Tarifbindung. Den Einstieg in den Ausstieg werden wir unter keinen Umständen zulassen“.
Das versicherte auch IG Metall-Verhandlungsführerin Sophie Jänicke den empörten Beschäftigten: „Eine Abkopplung vom Flächentarifvertrag wird es mit uns nicht geben. Der Tarifabschluss von Oktober 2025 ist bereits ein Kompromiss zwischen der IG Metall und den Arbeitgebern, der der schwierigen wirtschaftlichen Lage in der Branche Rechnung trägt“, so die Gewerkschaftssekretärin der IG Metall-Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Sachsen. „Dass B.E.S. noch einmal darunter bleiben will, ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten. Das machen wir nicht mit!“
Das betonte auch IG Metall-Vertrauenskörperleiter Sven Hoffmann: „Schon die mickrigen 1,75 Prozent waren schwer zu vermitteln, drunter geht nichts.“ Er appellierte aber auch an die Kollegen: „Bleibt standhaft, egal wie das heute hier ausgeht. Wir brauchen Euch und müssen bereit sein, auch die nächste Eskalationsstufe zu zünden.“
„Wir sind keine Stahlbeschäftigten zweiter Klasse!“
Um ihren berechtigten Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, wurde die Verhandlungskommission nach der Pause von einer kleinen Delegation wütender Stahlbeschäftigter zurück in den Verhandlungsraum begleitet. „Wir geben den Menschen, denen unser Arbeitgeber die Wertschätzung verweigert, ein Gesicht und erklären ihnen, was das mit uns macht und für uns bedeutet“, erklärten sie ihre Motivation.
„Wir leisten hier seit Jahren erstklassige Arbeit. Das muss sich auch in der Übernahme des Flächentarifabschlusses widerspiegeln“, sagte Daniel Zemlin. „Wir sind erstklassige Stahlwerker und nicht Beschäftigte zweiter Klasse. Das muss sich auch im Entgelt zeigen.“
Auch Maik Klose verwies auf die gute Arbeit, die die Kolleginnen und Kollegen leisten. „Es heißt immer, wir sind das produktivste Werk in der Lieferkette von Riva, deshalb ist es unverständlich, dass sich die Arbeitgeberseite wegen mickriger 1,75 Prozent derart ziert.“
Bereit für die nächste Eskalationsstufe
Die Arbeitgeberseite hat sich angehört, was die Beschäftigten bewegt, ob sie es auch verstanden hat, muss sich noch zeigen. Nach nicht einmal zwei Stunden war die Verhandlung beendet – ohne Ergebnis. Die Stahlbeschäftigten zogen im Demonstrationszug zurück ins Werk – wohl aber nur vorübergehend. Denn daran, dass sie bereit sind, für die Übernahme des Tarifabschlusses Stahl Ost weiter und – sollte es notwendig sein – auch mit ausgedehnteren Arbeitskampfmaßnahmen zu kämpfen, ließen sie keinen Zweifel.
Solibotschaft aus Eisenhüttenstadt
Auch in Stahlwerken, für die der Flächentarifvertrag gilt, trifft die Verweigerungshaltung des Arbeitgeber bei B.E.S. auf Unverständnis. Sophie Jänicke überbrachte den Warnstreikenden in Brandenburg an der Havel Solidaritätsgrüße der Kolleginnen und Kollegen von Arcelor Mittal aus Eisenhüttenstadt. „Sie sind aus allen Wolken gefallen, als sie hörten, dass Euch der Tarifvertrag verweigert wird“, sagte die Bezirkssekretärin. „Die Stahlbeschäftigten in Eisenhüttenstadt stehen solidarisch an Eurer Seite.“
Hintergrund:
Die Beschäftigten bei B.E.S. in Brandenburg an der Havel haben bisher statt eines Flächen- einen Anerkennungstarifvertrag. Dies heißt: Der Arbeitgeber hat bisher den Flächentarifvertrag eins zu eins übernommen. Mit diesem seit drei Jahrzehnten üblichen Verfahren will das zum italienischen Riva-Konzern gehörende Unternehmen nun brechen. Der Flächentarifvertrag von Oktober 2025 sieht für die ostdeutsche Stahlindustrie eine Entgeltsteigerung um 1,75 Prozent vom 1. Januar 2026 an vor. Die Ausbildungsvergütung wird überproportional um 75 Euro erhöht. Mit zum Paket gehört eine Verlängerung der Tarifverträge zur Beschäftigungssicherung, zu Werkverträgen und zur Altersteilzeit.